Neueste Beiträge

The Importance of What We Care about

„Diese Beziehung zwischen der Liebe und dem Wert des geliebten Wesens – dass nämlich Liebe nicht notwendigerweise im Wert des geliebten Wesens gründet, dieses Wesen aber in jedem Fall für den Liebenden wertvoll macht – gilt nicht nur für elterliche Liebe, sondern ganz allgemein.“ Dass erst die Sorge (to care about), die Liebe, „der Welt ihre Wichtigkeit“ verleiht, ist ein weiterer wunderbarer Gedanke bei Harry G. Frankfurt.

Mir kommt eine Situation aus dem letzten Jahr in den Sinn: Ich besuche meinen Vater nachdem seine Freundin gestorben ist. Er ist komplett von der Rolle. Es ist der dritte oder vierte Besuch nach dem Tod. Ich mache mir wirklich Sorgen, übernachte. Wir gehen Essen. Anschließend wird ordentlich getrunken. Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg nach Hause. Er muss wie immer bis zum Auto mitkommen, wirkt fassungslos-traurig wegen des Todes von Christa. Trotzdem ist der Abschied unser üblicher. Er sagt: „Fahr vorsichtig. Und meld dich, wenn du zuhause bist.“ Ich lasse den Wagen an und denke beim Blick auf ihn: Wie kannst du daran einen Gedanken verschwenden? Wenn sich hier jemand sorgt, dann bin ich das!

Heute, an seinem ersten Todestag, ist das eine Szene, dir mir durch den Kopf geht. Und mit Harry G. Frankfurt haben wir uns eigentlich „nur“ unserer gegenseitigen Liebe versichert. Bei aller Trauer und Unfähigkeit, Emotionen in Worte zu fassen, ist das der schönste Trost an einem tränenreichen Abend. Wir haben unserer Welt ihre Wichtigkeit verliehen und ich konnte in den Wochen, Monaten im vorigen Jahr vielleicht ein wenig von der Liebe erwidern, die ich in den vielen Jahren davor empfangen habe. Danke, Dad, für die deutlich längere Zeit, in der du dich gekümmert und gesorgt hast!

Deine alten Kollegen haben sich übrigens auch in Mannschaftsstärke auf der Beerdigung blicken lassen. Das hat mich sehr gefreut, weil ich weiß, dass es dich gefreut hat.

dichter dran LXV

If you are the dealer
I’m out of the game
If you are the healer it means
I’m broken and lame
If thine is the glory then
Mine must be the shame
You want it darker
We kill the flame

Leonard Cohen – You Want It Darker

dichter dran LXIV

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter. Bleib nicht stehen.
Kehr nicht um, als sei’s zuviel.
Bis ans Ende musst du gehen.
Hadre nicht in den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?

Geh nicht wie mit fremden Füßen,
und als hätt’st du dich verirrt.
Willst du nicht die Rosen grüßen?
Laß den Herbst nicht dafür büßen,
daß es Winter werden wird.

An den Wegen, in den Wiesen
leuchten, wie auf grünen Fliesen,
Bäume bunt und blumenschön.
Sind’s Buketts für sanfte Riesen?
Geh nur weiter. Bleib nicht stehn.

Blätter tanzen sterbensheiter
ihre letzten Menuetts.
Folge folgsam dem Begleiter.
Bleib nicht stehen. Geh nur weiter.
Denn das Jahr ist dein Gesetz.

Nebel zaubern in der Lichtung
eine Welt des Ungefährs.
Raum wird Traum. Und Rauch wird Dichtung.
Folg der Zeit. Sie weiß die Richtung.
„Stirb und werde!“ nannte er’s.

Erich Kästner: Der Oktober

Wahlkampf: Langeweile statt Schwanzvergleich

„Und doch ist Deutschland das Einzige der führenden westlichen Länder, in dem aktuell zwei KandidatInnen gegeneinander antreten, die sowohl stark als auch moderat, gebildet und respektabel sind – beide haben zudem keine Konzessionen an die Rechtspopulisten gemacht. Dies ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeigt vielmehr die andauernde Stärke der deutschen Demokratie.
[…]
Als amerikanische Journalistin, die die Kampagne des Jahres 2016 überstanden hat, würde ich Gott weiß was geben für einen langweiligen Wahlkampf. Es ist langweilig, wenn die Kandidaten sich keine Fakten ausdenken. Es ist langweilig, wenn die Kandidaten nicht buchstäblich ihre Schwanzgröße auf der Bühne vergleichen (siehe die Trump-Rubio-Debatte im März). Es ist langweilig, wenn oppositionelle politische Parteien einander respektvoll als politische Gegner behandeln und nicht als Feinde, die es zu vernichten gilt.
[…]
In einem demokratischen Kontext ist Langeweile schlicht ein Inbegriff für Vernunft.“

Bethany Allen, Redakteurin der Zeitschrift Foreign Policy in der taz

Großes Kino – Dialoge XXXXIII

taz: AfD-Frontmann Alexander Gauland findet, dass die zwölf Jahre Weltkrieg „unsere Identität heute nicht mehr“ betreffen. In der selben Rede sagt er aber, dass wir das Recht hätten, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Erklären Sie uns bitte diese Dialektik.

Küppersbusch: Nee, fragen sie Martin Walser, der unter dem Jubel des Nationalfeuilletons „gegen die Dauerpräsentation unserer Schande“ sich wehrte und die „Moralkeule“ des Gedenkens an ­Auschwitz zurückwies. 1998. Irgendwann musste der Schwurbel ja mal beim rechten Empfänger landen. Für ein Land, dass 400 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg noch feine Spuren dieser Katastrophe in sich birgt – ist es schon verdammt mutig, 70 Jahre nach einem Epochenverbrechen nach der Tagesordnung zu fuchteln. Gauland hat was von einem Kindermörder, der nach sechs Monaten Haft wegen Diskriminierung klagt.

via taz – Wie geht es uns, Herr Küpperbusch?

Seite:  ... Nächste