Worte der Woche

„Denn: ‚Es ist mit der Selbstverständlichkeit der Demokratie in aller Welt eine zweifelhafte Sache geworden.‘ Dieser Satz – Sie ahnen es – von Thomas Mann ist 80 Jahre später wieder aktuell. Und er bedeutet für uns im Westen zweierlei: Wo wir in den letzten Jahren allzu selbstsicher geglaubt haben, dass wir in unseren eigenen Gesellschaften die liberale Demokratie ein für alle Mal errungen hätten und ihr nun im Rest der Welt Geltung verschaffen würden, stellen wir heute fest: Diese liberale Demokratie ist bei uns selbst nicht unangefochten, und sie ist im Rest der Welt wahrlich nicht das Maß aller Dinge.

Die Zukunft der Demokratie beginnt also nicht damit, sie anderen zu erklären, sondern sie bei uns selbst zu verteidigen und zu erneuern.

(…)

‚Es ist ein schreckliches Schauspiel, wenn das Irrationale populär wird‘, ruft Thomas Mann 1943 in der Library of Congress. Ich fürchte, wir erleben gerade neue Folgen dieses Schauspiels, in der politischen Debatte auf beiden Seiten, in Amerika und in Europa.

Ja, man kann klagen über die Verrohung der Sprache, insbesondere im Internet und den sozialen Netzwerken, über die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, über die Verlockung von Feinbildern und Sündenböcken, über die Verachtung von Sachlichkeit, sogar von wissenschaftlicher Expertise. Solche Klagen waren auch Thomas Mann nicht fremd.

Doch die Frage ist, was aus den Klagen folgt. Ich persönlich halte den Schlachtruf gegen das ‚Establishment‘ für das gefährlichste Lockmittel des Populismus – ein Schlachtruf, der wahlweise gegen jedermann gilt, außer natürlich den selbsternannten Kämpfern gegen die sogenannten ‚Eliten‘. Umso wichtiger ist es, dass diejenigen, die Verantwortung tragen in Gesellschaft, Medien, Wissenschaft und Kultur, alle, die sich als ‚Establishment‘ verunglimpft sehen, das Feld nicht räumen! Die Antwort der Intellektuellen und Kulturschaffenden auf den Irrationalismus darf nicht der Rückzug aus der Politik sein, und schon gar nicht deren Verachtung. Es ist von erstaunlicher Aktualität, was Mann darüber in der Weimarer Republik schreibt: ‚Jener Verzicht des Geistes auf die Politik ist ein Irrtum, eine Selbsttäuschung. Man entgeht dadurch nicht der Politik, man gerät nur auf die falsche Seite – und zwar mit Leidenschaft. A-Politik, das bedeutet einfach Anti-Demokratie!'“

Frank-Walter Steinmeier auf der Konferenz „The Struggle for Democracy“