Kategorie: res publica

Fintan O’Toole: Trial runs for fascism are in full flow

„…Forget “post-fascist” – what we are living with is pre-fascism.

It is easy to dismiss Donald Trump as an ignoramus, not least because he is. But he has an acute understanding of one thing: test marketing. He created himself in the gossip pages of the New York tabloids, where celebrity is manufactured by planting outrageous stories that you can later confirm or deny depending on how they go down. And he recreated himself in reality TV where the storylines can be adjusted according to the ratings. Put something out there, pull it back, adjust, go again.

Fascism doesn’t arise suddenly in an existing democracy. It is not easy to get people to give up their ideas of freedom and civility. You have to do trial runs that, if they are done well, serve two purposes. They get people used to something they may initially recoil from; and they allow you to refine and calibrate. This is what is happening now and we would be fools not to see it. (…)“

Fintan O’Toole: Trial runs for fascism are in full flow

#test-marketing for barbarism

Worte der Woche

„Denn: ‚Es ist mit der Selbstverständlichkeit der Demokratie in aller Welt eine zweifelhafte Sache geworden.‘ Dieser Satz – Sie ahnen es – von Thomas Mann ist 80 Jahre später wieder aktuell. Und er bedeutet für uns im Westen zweierlei: Wo wir in den letzten Jahren allzu selbstsicher geglaubt haben, dass wir in unseren eigenen Gesellschaften die liberale Demokratie ein für alle Mal errungen hätten und ihr nun im Rest der Welt Geltung verschaffen würden, stellen wir heute fest: Diese liberale Demokratie ist bei uns selbst nicht unangefochten, und sie ist im Rest der Welt wahrlich nicht das Maß aller Dinge.

Die Zukunft der Demokratie beginnt also nicht damit, sie anderen zu erklären, sondern sie bei uns selbst zu verteidigen und zu erneuern.

(…)

‚Es ist ein schreckliches Schauspiel, wenn das Irrationale populär wird‘, ruft Thomas Mann 1943 in der Library of Congress. Ich fürchte, wir erleben gerade neue Folgen dieses Schauspiels, in der politischen Debatte auf beiden Seiten, in Amerika und in Europa.

Ja, man kann klagen über die Verrohung der Sprache, insbesondere im Internet und den sozialen Netzwerken, über die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, über die Verlockung von Feinbildern und Sündenböcken, über die Verachtung von Sachlichkeit, sogar von wissenschaftlicher Expertise. Solche Klagen waren auch Thomas Mann nicht fremd.

Doch die Frage ist, was aus den Klagen folgt. Ich persönlich halte den Schlachtruf gegen das ‚Establishment‘ für das gefährlichste Lockmittel des Populismus – ein Schlachtruf, der wahlweise gegen jedermann gilt, außer natürlich den selbsternannten Kämpfern gegen die sogenannten ‚Eliten‘. Umso wichtiger ist es, dass diejenigen, die Verantwortung tragen in Gesellschaft, Medien, Wissenschaft und Kultur, alle, die sich als ‚Establishment‘ verunglimpft sehen, das Feld nicht räumen! Die Antwort der Intellektuellen und Kulturschaffenden auf den Irrationalismus darf nicht der Rückzug aus der Politik sein, und schon gar nicht deren Verachtung. Es ist von erstaunlicher Aktualität, was Mann darüber in der Weimarer Republik schreibt: ‚Jener Verzicht des Geistes auf die Politik ist ein Irrtum, eine Selbsttäuschung. Man entgeht dadurch nicht der Politik, man gerät nur auf die falsche Seite – und zwar mit Leidenschaft. A-Politik, das bedeutet einfach Anti-Demokratie!'“

Frank-Walter Steinmeier auf der Konferenz „The Struggle for Democracy“

Mehr als ein Hashtag: Obsolete Männlichkeitsbilder

„Die letzte Möglichkeit des körperlichen Missbrauchs scheint an ihr Ende gekommen zu sein: Der physische Übergriff des Mächtigen – angeblich intensivster Ausdruck seiner Kraft – ist kein Kompliment mehr, keine Bagatelle.

Die Empörung über die Gewaltigen, die sich der Leiber der anderen bedienen, ist mehr als ein Hashtag und etwas anderes als eine Hetzjagd. Sie ist das Ende der letzten Selbstverständlichkeit: Das Zweifel- und Bedenkenlose einer männlichen Herrschaft, das in die Körper eingeschrieben war, scheint endgültig außer Kraft gesetzt zu sein. Neue Männlichkeiten treten hervor, in allen Generationen. Zarte Typen oder bärtige Jungs, die Babys im Tragetuch kosen, Kriegsverächter und grauhaarige Feministen – Männer, die Frauen als Gleiche denken können. Androgyne Kulturen sind hip. Längst hat die Technik physische Körperkraft im Alltag und Beruf zu einem vernachlässigungswürdigen Faktor gemacht.“

Hedwig Richter – Trump ist der Geburtshelfer von „Me Too“

Wahlkampf: Langeweile statt Schwanzvergleich

„Und doch ist Deutschland das Einzige der führenden westlichen Länder, in dem aktuell zwei KandidatInnen gegeneinander antreten, die sowohl stark als auch moderat, gebildet und respektabel sind – beide haben zudem keine Konzessionen an die Rechtspopulisten gemacht. Dies ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeigt vielmehr die andauernde Stärke der deutschen Demokratie.
[…]
Als amerikanische Journalistin, die die Kampagne des Jahres 2016 überstanden hat, würde ich Gott weiß was geben für einen langweiligen Wahlkampf. Es ist langweilig, wenn die Kandidaten sich keine Fakten ausdenken. Es ist langweilig, wenn die Kandidaten nicht buchstäblich ihre Schwanzgröße auf der Bühne vergleichen (siehe die Trump-Rubio-Debatte im März). Es ist langweilig, wenn oppositionelle politische Parteien einander respektvoll als politische Gegner behandeln und nicht als Feinde, die es zu vernichten gilt.
[…]
In einem demokratischen Kontext ist Langeweile schlicht ein Inbegriff für Vernunft.“

Bethany Allen, Redakteurin der Zeitschrift Foreign Policy in der taz

Großes Kino – Dialoge XXXXIII

taz: AfD-Frontmann Alexander Gauland findet, dass die zwölf Jahre Weltkrieg „unsere Identität heute nicht mehr“ betreffen. In der selben Rede sagt er aber, dass wir das Recht hätten, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Erklären Sie uns bitte diese Dialektik.

Küppersbusch: Nee, fragen sie Martin Walser, der unter dem Jubel des Nationalfeuilletons „gegen die Dauerpräsentation unserer Schande“ sich wehrte und die „Moralkeule“ des Gedenkens an ­Auschwitz zurückwies. 1998. Irgendwann musste der Schwurbel ja mal beim rechten Empfänger landen. Für ein Land, dass 400 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg noch feine Spuren dieser Katastrophe in sich birgt – ist es schon verdammt mutig, 70 Jahre nach einem Epochenverbrechen nach der Tagesordnung zu fuchteln. Gauland hat was von einem Kindermörder, der nach sechs Monaten Haft wegen Diskriminierung klagt.

via taz – Wie geht es uns, Herr Küpperbusch?

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