Book of the moment

Albert Camus – Der Mensch in der Revolte

Der Romancier und Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus ist in Deutschland ein Begriff. Schriften wie „Der Fremde“ und „Der Mythos von Sisyphos“ sind mittlerweile zur Schulpflichtlektüre avanciert. Die Gegnerschaft zu Sartre ist dem interessierten Leser auch noch bekannt. Weit weniger weiß man hierzulande aber um sein politisches Engagement und um seine Hinwendung zu libertären Ideen. Dabei findet Camus‘ politische Position schon deutlichen Ausdruck im Essay „Der Mensch in der Revolte“.

Das Buch „L‘ Homme révolté“ hat natürlich auch in Deutschland ein Publikum gefunden. Das belegen alleine die Auflagenzahlen. Aber betrachtet man die deutschsprachige Rezeption, so fällt auf, dass weniger Zusammenhang und Argumentation zur Kenntnis genommen werden. Vielmehr richtet sich der Fokus auf einzelne Aspekte – etwa die ethische Konzeption des Maßes – , so dass Camus in weiten Kreisen als humanistischer Fürsprecher der westlichen Demokratie gilt. Konservative greifen gerne Camus‘ Marx-Kritik und seinen leidenschaftlichen Anti-Stalinismus heraus, um eigene Positionen zu untermauern. In progressiven Kreisen dagegen weiß man wenig von den nicht-marxistischen Wurzeln eines libertären Sozialismus, auf die sich Camus beruft. Hier folgt man eher den Deutungsvorgaben des Sartre-Kreises, der Camus als philosophisch-politisches Leichtgewicht diskreditiert. Worum geht es also im „L‘ Homme révolté“?

Camus ist der Vertreter einer Generation, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts nach dem ersten Weltkrieg aufwächst. Im Zwiespalt und Zwielicht der politischen Begriffe hin- und hergerissen droht die Nachkriegsgeneration den Versuchungen des Totalitarismus zu erliegen. Diesen Zwiespalt versucht Camus in einer kritischen Phänomenologie begrifflich zu fassen, was ihn im „Mythos von Sisyphos“ zur Beschreibung des Absurden führt. Das Absurde ist für ihn der Ausgangspunkt seiner philosophischen Reflexion, weshalb der Gedanke zu Beginn des „L‘ Homme révolté“ wieder aufgegriffen wird.

Die Menschen erfahren sich in einer Welt, in der Tod, Leid, Ungerechtigkeit, Glück, Schönheit auf rätselhafte Weise nebeneinander stehen als Fragende. Sie suchen nach einer Einheit. Die Welt aber – redlich betrachtet – steht ihnen schweigend gegenüber, sie gibt keinen Sinn vor. Diese hoffnungslose Kluft zwischen der Frage des Menschen und dem Schweigen der Welt ist das Absurde. Doch der Mensch ist in der Lage sich gegen die ungerechten und unverständlichen Lebensbedingungen aufzulehnen. Solch eine Auflehnung bezeichnet Camus im weitesten Sinne als Revolte. Dabei ist der Mensch in seiner Wesensverfassung durch die Revolte, durch die Fähigkeit der Auflehnung gegen sein Schicksal, gekennzeichnet. „Die Revolte keimt auf beim Anblick der Unvernunft, vor einem ungerechten und unverständlichen Leben. Aber ihre blinde Wucht fordert Ordnung inmitten des Chaos und die Einheit inmitten dessen, was flieht und verschwindet. Ihr Ziel ist, umzuformen.“

Camus zielt darauf ab, das Absurde in der Auflehnung zu überwinden, d.h. in dem Chaos, das die Lebenswelt ist, eine Ordnung zu errichten, die das Leben aller, als ein Leben ohne Mord, Gewalt, Terror, Ausbeutung, Unfreiheit und Ungerechtigkeit möglich macht. In diesem Sinne ist die Revolte nicht die private Angelegenheit eines einzelnen Menschen, sondern etwas Allgemein-Menschliches, das ihn mit den anderen verbindet. So erfährt der Mensch in der Revolte gerade hierin seine Solidarität mit allen Menschen. Darum in Anlehnung an Descartes, der versucht inmitten des totalen Zweifels einen festen Punkt zu erreichen: „Ich empöre mich, also sind wir.“

Camus zeigt im Verlauf seines Essays, wie die Revolte in ihrem Kampf gegen ungerechte Bedingungen des Menschseins immer wieder in die Situation geraten ist, sich selbst und ihre eigenen Quellen zu verraten. D.h. die Revolte wurde immer wieder zur Revolution. Dazu untersucht Camus im Hauptteil des Buches vor allem die letzten zwei Jahrhunderte der europäischen Geschichte.

Die „metaphysische Revolte“ hat zur Infragestellung Gottes und letztlich zu seiner Absetzung geführt. Sie wird zu einer atheistisch-nihilistischen Revolution und endet in der selbstzerstörerischen Raserei de Sades, dem übersteigerten Individualismus Stirners oder der missdeutbaren Vergöttlichung des Schicksals bei Nietzsche. Die „historische Revolte“ setzt die ideengeschichtliche Vernunft an die Stelle des toten Gottes. Sie beginnt mit dem Spartakusaufstand, findet ihren Ausdruck in der französischen Revolution, den russischen Revolutionären des 19. Jahrhunderts und gipfelt im Terror des Staates, wie er sich im 20. Jahrhundert zeigt. Hier unterscheidet Camus den irrationalen Terror des Nationalsozialismus bzw. Faschismus vom rationalen Terror der sowjetischen Herrschaft. Während der erste den Versuch einer auf dem Nichts gebauten Kirche darstellt und mit Vernichtung bezahlt wird, rechtfertigt der „autoritäre Sozialismus“ seinen ungeheuren Unterdrückungsapparat mit dem Ausblick auf eine ideale, kommende Freiheit, die das Ziel der Geschichte darstellt.

Das Ergebnis der historischen Analysen Camus‘: nahezu alle modernen Revolten haben ihren Ursprung verraten, den Mord legitimiert und, sofern sie in Revolutionen mündeten, den legitimen Mord institutionalisiert. Die Revolte – als prinzipieller Protest gegen den Tod – spricht aber dem Mord die Rechtfertigung ab. Es gilt darum aus dem Irrweg der Revolutionen „zu der schöpferischen Quelle der Revolte zurückzukehren“. Denn die Revolte will die Anerkennung der Tatsache, dass die Freiheit überall da eine Grenze habe, wo sich ein menschliches Wesen findet. Jede menschliche Freiheit ist an ihrem Ursprung relative Freiheit. Sie lebt also vom Maß, was nach Camus eine ständige Anstrengung des Geistes verlangt, um die Spannung, die zwischen Revolte und Revolution entsteht, zu ertragen. Dabei weiß Camus, der die Nazi-Herrschaft in der Résistance bekämpfte, auch darum, dass in bestimmten Situationen – gerade da, wo die Auflehnung gegen den Terror stattfindet – Gewalt berechtigt sein kann. Eine Gewalt allerdings, die bereit und fähig sein muss, sich so schnell wie möglich wieder zurückzunehmen.

Die politischen Konsequenzen aus seiner Position zeigt Camus im Schlusskapitel „Das mittelmeerische Denken“ auf. Seine Sympathien gelten einem revolutionären Syndikalismus oder libertären Sozialismus. Bei uns in Deutschland ist diese Variante des Sozialismus weitgehend unbekannt, was nicht unerheblich zur Verwirrung in der deutschsprachigen Camus-Rezeption beigetragen hat. Rühmliche Ausnahme stellen die Veröffentlichungen des emeritierten Bonner Camus-Forschers Heinz Robert Schlette und des „Graswurzelrevolutionärs“ Lou Marin dar. Beide betonen die zentralen Stellen des Schlusskapitels, in denen Camus dem cäsaristischen einen freiheitlichen Sozialismus gegenüberstellt. „Die Geschichte der ersten Internationale, in der der deutsche Sozialismus unaufhörlich gegen das freiheitliche Denken der Franzosen, Spanier und Italiener ankämpft, ist die Geschichte des Kampfes zwischen der deutschen Ideologie und dem mittelmeerischen Geist. Gemeinde gegen Staat, konkrete Gesellschaft gegen absolutistische Gesellschaft, überlegte Freiheit gegen rationale Tyrannei, altruistischer Individualismus gegen Kolonialisierung der Massen lauten damals die Antinomien, die einmal mehr die Gegenüberstellung von Maß und Maßlosigkeit sichtbar machen, welche die Geschichte des Abendlandes seit der Antike erfüllt.“ Im Syndikalismus, der sich von unten nach oben organisiert und sich auf die konkrete Wirklichkeit, den Beruf, das Dorf stützt, sieht Camus eine reale politische Alternative. Als die Verneinung des bürokratischen und abstrakten Zentralismus zugunsten der Wirklichkeit liegt hier am Ende aller politisch gescheiterten Wege – vor allem den Irrwegen der Revolution – die Konsequenz. Es ist das Bekenntnis zur Diesseitigkeit des Lebens, die Absage an alle Heilsversprechen, die den Menschen immer vertröstet haben, auf ein Ende der Geschichte, auf eine jenseitige Welt. Denn: „Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe.“

Dies ist die Radikalität in Camus‘ Denken, die in der Rezeption oft unterschlagen wird. Der Literaturnobelpreisträger hat sich damit quer zum Rechts-Links-Schema seiner Zeit gestellt. Er war ein „heimatloser Linker“, der sich nirgendwo richtig aufgehoben fühlte. Und trotzdem zeugt seine Vita von einer eindrucksvollen Engagiertheit in aktuellen politischen Fragen. Gerade angesichts des Algerienkonflikts erscheint etwa sein Konzept eines libertären Föderalismus in Algerien als vorausschauend. Letztlich lässt sich aber darüber streiten, ob seine philosophischen oder politischen Positionen schlüssig, bzw. nachvollziehbar und umsetzbar sind. Viel gewonnen wäre schon dann, wenn Camus in seiner politischen Dimension wahrgenommen und diskutiert wird.

Albert Camus wird am 7. November 1913 im algerischen Mondovi in kärglichen Verhältnissen geboren. Von 1932 – 1936 studiert er an der Universität Algier und schließt seine Studien mit einer Arbeit über Augustin und Plotin ab. Er tritt kurze Zeit der Kommunistischen Partei Algeriens bei und verlässt diese aus Protest gegen ihre Araberpolitik. Als Journalist arbeitet er für linksgerichtete Zeitungen in Algier; nach Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde geht er nach Paris und schließt sich der Résistance an. Es erscheinen noch unter der Nazi-Herrschaft „Der Fremde“ und „Der Mythos von Sisyphos“. „Die Pest“, als Verarbeitung der Résistance-Erfahrungen und „Der Mensch in der Revolte“, als Auseinandersetzung mit dem stalinistischen und dem Nazi-Terror sind weitere bedeutende Werke. Gekrönt wird sein Schaffen 1957 mit der Verleihung des Nobelpreises. Am 4.1.1960 kommt Camus bei einem Autounfall ums Leben.

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