Book of the moment

Harry G. Frankfurt – Bullshit

„Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, dass es viel Bullshit gibt. Jeder kennt Bullshit. Und jeder trägt sein Scherflein dazu bei.“ Mit diesen Worten beginnt der philosophische Bestseller. Harry G. Frankfurt hat eine scharfsinnige Analyse vorgelegt. Er versucht zu erklären, wie es kommt, dass das „Blödsinnquatschen, das Rumpalavern, das Heiße-Luft-Produzieren oder schlicht das „bullshitting““, so Daniel Schreiber in der taz, so um sich greifen, dass wir ihnen überall begegnen: in den Medien, in der Politik, in der Kneipe und in der Bahn. Bullshit ist omnipräsent. Schlimmer noch: Bullshit steckt an und droht zur Epidemie zu werden, bei der die Wirklichkeit Gefahr läuft, zu verschwinden. Wer wissen will, ob und wie wir uns dagegen impfen können, sollte „Bullshit“ lesen!

Frankfurt ist Philosoph, und seine Analyse ist eben eine philosophische: Er ermittelt tiefere Gründe des verantwortungslosen Geredes und hat dabei vor allem den konventionellen Skeptizismus in Verdacht. Skepsis gegenüber dreisten Behauptungen ist angebracht, aber, wendet Frankfurt ein, es sei zur Modemeinung geworden, dass die Wirklichkeit nicht erkennbar sei, daher dürfe jeder drauflosreden. Doch jeder, der die Sorge um Richtigkeit seiner Rede aufgegeben hat, ist schon ans Gerede verloren. Ratzinger könnte diese Art von Relativismus nicht vehementer verdammen als Frankfurt. Nur denkt Ratzinger an „höhere“ Wahrheiten als Frankfurt, dem es um Tatsachenwahrheiten geht.

Das ist der philosophische Kern seiner Protestschrift und zugleich seine rabiate Ermahnung zur Sachlichkeit: Es genügt nicht, wenn der Redner meint, er müsse nur glaubwürdig sein in dem Sinn, dass er sagt, was er denkt. Er muss immer auch sachorientiert denken, und dazu genügt nicht die Übereinstimmung zwischen seinem Innern und seiner Rede. Er muss sich um Objektivität kümmern, und dazu muss er sich jeweils beschränken. Er muss sich sachkundig machen. Treuherzigkeit und rhetorisch aufgespielte „Aufrichtigkeit“ ersetzen das nicht. Wer ohne überprüfte Weltkenntnis redet, macht Mist. Er produziert Bullshit.

Philosophisch steht „Bullshit“ in der Tradition der Sophismuskritik von Sokrates bis Wittgenstein. Neu ist allerdings, daß sich die Sophismuskritik im Selbstversuch übt, anders gesagt: Das Buch macht sich vorsätzlich selbst zur Zielscheibe der Sophismuskritik.

0 Kommentare zu “Book of the moment

Schreibe einen Kommentar