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Auflösung von Politik in Marktkonformität

„Das schwache Auftreten der griechischen Regierung ändert nichts an dem Skandal, der darin besteht, dass sich die Politiker in Brüssel und Berlin weigern, ihren Kollegen aus Athen als Politiker zu begegnen. Sie sehen zwar wie Politiker aus, lassen sich aber nur in ihrer ökonomischen Rolle als Gläubiger sprechen. Diese Verwandlung in Zombies hat den Sinn, der verschleppten Insolvenz eines Staates den Anschein eines unpolitischen, vor Gerichten einklagbaren privatrechtlichen Vorgangs zu geben.

Denn dann lässt sich eine politische Mitverantwortung umso leichter verleugnen. Unsere Presse macht sich über den Akt der Umbenennung der Troika lustig; er ist tatsächlich so etwas wie eine magische Handlung. Aber darin äußert sich der legitime Wunsch, dass hinter der Maske der Geldgeber doch das Gesicht der Politiker hervortreten möge. Denn nur als Politiker können diese für einen Misserfolg, der sich in massenhaft vertanen Lebenschancen, in Arbeitslosigkeit, Krankheit, sozialem Elend und Hoffnungslosigkeit ausgebreitet hat, zur Rechenschaft gezogen werden.

Als Mitglieder der Troika verschmelzen auch europäische Institutionen mit diesem Akteur, sodass sich Politiker, soweit sie in dieser Funktion handeln, in die Rolle strikt regelgebunden handelnder und unbelangbarer Agenten zurückziehen können.

Diese Auflösung von Politik in Marktkonformität mag die Chuzpe erklären, mit der Vertreter der deutschen Bundesregierung, ausnahmslos hochmoralische Menschen, ihre politische Mitverantwortung für die verheerenden sozialen Folgen leugnen, die sie als Meinungsführer im Europäischen Rat mit der Durchsetzung der neoliberalen Sparprogramme doch in Kauf genommen haben.“

Jürgen Habermas – Warum Merkels Griechenland-Politik ein Fehler ist

Raddatz

SZ: Zu den Freunden, die Sie immer wieder rezensiert haben, zählt Günter Grass. Auch mit ihm sind Sie auseinander.

Raddatz: Er nimmt mir übel, dass ich ihn öfter mit dem George-Grosz-Stift karikiert habe, statt ihm Seerosen ins Haar zu malen.

SZ: Nachdem Grass sein Israelkritisches Gedicht Was gesagt werden muss veröffentlicht hatte, schrieben Sie: »Der Ex-Freund ist artistisch impotent geworden. Wieso hält er nicht die Klappe? Er kommt mir vor wie die alternden Schwulen in den Parks, die an sich herumfummeln, ihn kaum oder nicht oder knapp hochkriegen – und dann kommt ein widerliches Tröpf’chen.«

Raddatz: Da Grass in einem übrigens scheußlichen Gedicht selber geschrieben hat: »Er steht mir noch, aber nicht so oft«, darf ich so etwas schreiben. Es ist nun mal so, dass Indiskretion zum Wesen eines Tagebuchs gehören. Ich bin ja auch mir selber gegenüber indiskret.

Fritz Raddatz hat sich das Leben genommen. Im März 2014 die SZ ein imposantes Interview geführt. In seinem letzten Interview mit der FR bzw. Arno Widmann sagt Raddatz: „Es gibt große Abgründe in meinem Leben. Vor allem jetzt am Ende. Ich habe mein Leben gelebt. Ich habe es ausgelebt, leer gelebt. Mein Lebenshorizont ist ausgeschritten. Da kommt nichts mehr.“

Sensucht & Phobie

ZEIT: Glauben Sie, dass die Wirtschaftskrise Europa als amerikanischen Sehnsuchtsort entthronen kann?

Woody Allen: Nein. Die Krise zeigt nur die Hohlheit unserer Geldkultur. Wenn man manchen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten zuhört, hat man das Gefühl, in den fünfziger Jahren zu leben. Wir Amerikaner werden Europa immer als Gegenpol zu unserer eigenen Gesellschaft brauchen. Und je frustrierter und unglücklicher die Amerikaner in den USA sind, desto eher werden sie nach Europa gehen und ihre Träume hineinprojizieren. Sie denken, es wird ihnen dort besser gehen. Aber die Wahrheit ist: Sie sind hie wie dort unglücklich, denn ihr Problem sind sie selbst.

ZEIT: Geht es Ihnen genauso?

Woody Allen: Nein, denn ich erwarte gar nicht, dass ich hier glücklicher bin als dort. Ich finde es sehr, sehr praktisch, überall die gleichen Ängste und Phobien zu haben.

Quelle: ZEIT

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