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Künstliche Intelligenz und Pop

„Yuval Harari (…) behauptet, dass KI in der Lage sein wird, bessere Lieder zu schreiben als Menschen. Er behauptet – entschuldige meine vereinfachende Zusammenfassung – dass wir Lieder hören, um bestimmte Dinge zu fühlen, und dass KI es in Zukunft möglich machen wird, das individuelle Gedächtnis aufzuzeichnen und Songs zu erschaffen, die speziell auf unsere jeweiligen mentalen Algorithmen zugeschnitten sind. Auf diese Weise sollen wir mithilfe von Liedern all das, was wir fühlen wollen, viel intensiver und präziser fühlen können. Wenn wir traurig sind und uns glücklich fühlen wollen, hören wir einfach unseren maßgeschneiderten KI-Glückssong, und das war’s.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob das wirklich alles ist, was Lieder können. Natürlich hören wir Songs, damit wir etwas empfinden. Wir können uns glücklich, traurig oder sexy fühlen. Wir können Heimweh empfinden oder aufgeregt sein. Das ist aber nicht alles, was ein Lied mit uns macht. Ein großartiges Lied gibt uns ein Gefühl der Ehrfurcht, und das hat einen Grund. Ehrfurcht zu empfinden beruht nahezu ausschließlich darauf, dass wir als menschliche Wesen begrenzt sind. Es beruht auf unserem Wagemut als Menschen, über unsere Fähigkeiten hinausgehen zu wollen. Es ist absolut vorstellbar, dass KI ein Lied erzeugen kann, das zum Beispiel die Qualität von Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ hat. Ein Lied, das alle Kriterien erfüllt, die nötig sind, damit wir empfinden, was wir empfinden sollten, wenn wir ein Lied wie dieses hören. In diesem Fall könnte das zum Beispiel sein, sich aufzuregen und sich rebellisch zu fühlen. Es ist sogar plausibel, dass KI ein Lied erzeugt, das uns diese Gefühle intensiver empfinden lässt, als es jeder menschliche Songwriter tun könnte.

Aber ich glaube eben nicht, dass wir, wenn wir „Smells Like Teen Spirit“ hören, nur das Lied hören. Mir scheint, dass wir eigentlich die Reise eines verschlossenen, einsamen jungen Mannes hören, die in der amerikanischen Kleinstadt Aberdeen beginnt. Ein junger Mann, der nur so strotzte vor Abnormität und menschlicher Begrenztheit. Und der die Kühnheit besaß, seinen Schmerz in ein Mikrofon zu heulen und damit auf verschlungenen Pfaden die Herzen einer ganzen Generation erreichte. Wir hören Iggy Pop, wie er sich von seinem Publikum auf Händen tragen lässt und sich mit Erdnussbutter einschmiert, während er den Song „1970“ singt. Wir hören Beethoven, wie er fast taub die Neunte Sinfonie komponiert. Wir hören Prince, dieses Häufchen purpurner Atome, wie er im strömenden Regen beim Super Bowl singt und die Zuhörer damit umhaut. Wir hören Nina Simone, die ihre Wut und Enttäuschung in die zartesten Liebeslieder packt. Paganini, der auf seiner Stradivari einfach weiterspielt, obwohl die Saiten gerissen sind. Wir hören Jimi Hendrix, wie er in die Knie geht und sein eigenes Instrument anzündet.

Was wir eigentlich hören, ist die menschliche Begrenztheit und der Wagemut, diese zu überschreiten. KI hat diese Fähigkeit nicht – trotz ihrer unbegrenzten Möglichkeiten. Wie könnte sie auch? Genau das ist ja die Essenz der Transzendenz. Wenn wir grenzenlose Möglichkeiten haben, was gibt es dann noch zu transzendieren? Wozu dann noch Fantasie? Musik erlaubt uns, die Himmelssphäre mit ihren Fingerspitzen zu berühren. Die Ehrfurcht und das Wunder, das wir erleben, liegt in der verzweifelten Kühnheit des Versuchs, nicht nur in seinem Ergebnis. Wo ist diese Größe noch zu finden, wenn die Möglichkeiten unbegrenzt sind? Um deine Frage zu beantworten, Peter: KI hätte die Fähigkeiten, einen guten Song zu schreiben, aber keinen großartigen. Ihr fehlt der Nerv dafür.

Nick Cave/FAZ – „Was wir eigentlich hören, ist die menschliche Begrenztheit“

Popmusik aus einer glücklicheren Welt von morgen: Mark Hollis

„Abwesenheit, Stille, ausbleibende Signale: Was Hollis im Leben tat, hatte er in der Kunst vorbereitet: Sie ist um Leere herum inszeniert – welche Ironie, wenn man an den Namen seiner Band denkt. Auf dem Soloalbum, das man am besten spätnachts im Sommer hört, dauert es immer wieder irritierend lang, bis das Klavier einsetzt, ein paar Noten, dann die typisch kehlige Stimme, ein paar Zeilen, dann wieder nichts. Das war noch Popmusik, aber aus einer glücklicheren Welt von morgen, in der die Widersprüche zwischen populärer Melodie und ernstem Kunstwillen aufgelöst sind und alles nur noch Song ist: Ausdruck existentieller Bedürfnisse und Erkenntnis.“

Tobias Rüther zum Tod von Mark Hollis: Die Verschwendung des Schweigens

… has left the building: F.W. Bernstein

Bilanz

Hab keine Romane geschrieben,
keine einzige Sinfonie.
Mein Umsturz ist Stückwerk geblieben,
wie meine Tanztheorie.

Nicht eine Kathedrale!
Kein Dachgeschoss ausgebaut!
Und wenn ich mal male,
wird’s Mist!

Nie im Puff und keine Visionen,
kein Sieg, keine Oper, kein Mord.
Kein Starkult und keine Millionen,
kein Hit, kein Hut, kein Rekord.

Nobelpreis? Nix draus geworden.
Kein Kriegsheld, Konzernherr, null Orden.
Tor des Monats, Befreiungskampf, Geige?
Macht? Schönheit? Genie? Fehlanzeige.

Nur dieses kleine Gedicht,
Reicht das nicht?

F.W. Bernstein

dichter dran LXIX

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
Nietzsche – JGB, Aph. 146

„Es ist nicht nötig, nicht einmal erwünscht, Partei für mich zu nehmen: im Gegenteil, eine Dosis Neugierde, wie vor einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerstande, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir.“ 
Brief an Carl Fuchs, 29. Juli 1888

Friedrich Nietzsche, heute vor 118 Jahren gestorben.

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