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dichter dran LXIX

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
Nietzsche – JGB, Aph. 146

„Es ist nicht nötig, nicht einmal erwünscht, Partei für mich zu nehmen: im Gegenteil, eine Dosis Neugierde, wie vor einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerstande, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir.“ 
Brief an Carl Fuchs, 29. Juli 1888

Friedrich Nietzsche, heute vor 118 Jahren gestorben.

Trump und der Trumpismus

„In Gestalt Trumps könnten wir in der Tat Zeuge einer tektonischen Verschiebung in den internationalen Beziehungen sein, mit der die Vereinigten Staaten freiwillig auf ihre Rolle als ‚Wächter der Weltordnung und Vorkämpfer der menschlichen Freiheit‘ (Stewart Patrick) verzichten und zu Nationalismus und Konkurrenz im Stile des 19. Jahrhunderts zurückkehren.

Ebenso denkbar wäre es allerdings, dass wir tagtäglich mit der kolossalen Eitelkeit eines weltgeschichtlichen Narzissten konfrontiert werden, der eher bellt als beißt und dessen zutiefst zerstörerische Rhetorik nicht auf eine genaue Lektüre der Schriften von Noam Chomsky und Pat Buchanan zurückgeht, sondern auf seine Erfahrung als Produzent von Reality-TV-Müll mit höchsten Einschaltquoten.“

James Kirchick – Trump will die Weltordnung zerstören – na und?

Während Kirchick noch optimistisch bleibt und die liberale Weltordnung eher rhetorisch angegriffen sieht, ist Norbert Birnbaum Trump forever? Das Elend der amerikanischen Demokratie skeptisch, was die Novemberwahlen und die weitere Präsidentschaft Trumps angeht:

„Zudem ist die Fragmentierung dessen, was einmal als öffentlicher Raum bezeichnet werden konnte, weit fortgeschritten. Wir haben heute unterschiedliche Mediengemeinden mit separaten Öffentlichkeiten und je eigenen Wahrheitskriterien. Trumps Verfälschungen der Realität kommen besonders bei jenem großen Teil der Bevölkerung gut an, der seit langem an Verschwörungen glaubt, an die Manipulation von Wirtschaft und Gesellschaft durch finstere Mächte. Fügt man dem eine kräftige Prise Rassismus und Xenophobie hinzu, so wird Trumps Anspruch, als eine Art Volkstribun für die einfachen Leute zu sprechen, durchaus stimmig. Er hat einen Großteil des traditionellen Misstrauens, das Republikaner staatlichem Handeln entgegenbringen, mit primitiven Phantasien und Protestregungen gegen aktuelle materielle und moralische Verlusterfahrungen verschmolzen. Seine unaufhörliche Internet- und TV-Präsenz verrät, dass wir es in der Tat mit einem Besessenen zu tun haben. Seine Ausstrahlung hat etwas Schamanenhaftes an sich.“

Fintan O’Toole: Trial runs for fascism are in full flow

„…Forget “post-fascist” – what we are living with is pre-fascism.

It is easy to dismiss Donald Trump as an ignoramus, not least because he is. But he has an acute understanding of one thing: test marketing. He created himself in the gossip pages of the New York tabloids, where celebrity is manufactured by planting outrageous stories that you can later confirm or deny depending on how they go down. And he recreated himself in reality TV where the storylines can be adjusted according to the ratings. Put something out there, pull it back, adjust, go again.

Fascism doesn’t arise suddenly in an existing democracy. It is not easy to get people to give up their ideas of freedom and civility. You have to do trial runs that, if they are done well, serve two purposes. They get people used to something they may initially recoil from; and they allow you to refine and calibrate. This is what is happening now and we would be fools not to see it. (…)“

Fintan O’Toole: Trial runs for fascism are in full flow

#test-marketing for barbarism

Worte der Woche

„Denn: ‚Es ist mit der Selbstverständlichkeit der Demokratie in aller Welt eine zweifelhafte Sache geworden.‘ Dieser Satz – Sie ahnen es – von Thomas Mann ist 80 Jahre später wieder aktuell. Und er bedeutet für uns im Westen zweierlei: Wo wir in den letzten Jahren allzu selbstsicher geglaubt haben, dass wir in unseren eigenen Gesellschaften die liberale Demokratie ein für alle Mal errungen hätten und ihr nun im Rest der Welt Geltung verschaffen würden, stellen wir heute fest: Diese liberale Demokratie ist bei uns selbst nicht unangefochten, und sie ist im Rest der Welt wahrlich nicht das Maß aller Dinge.

Die Zukunft der Demokratie beginnt also nicht damit, sie anderen zu erklären, sondern sie bei uns selbst zu verteidigen und zu erneuern.

(…)

‚Es ist ein schreckliches Schauspiel, wenn das Irrationale populär wird‘, ruft Thomas Mann 1943 in der Library of Congress. Ich fürchte, wir erleben gerade neue Folgen dieses Schauspiels, in der politischen Debatte auf beiden Seiten, in Amerika und in Europa.

Ja, man kann klagen über die Verrohung der Sprache, insbesondere im Internet und den sozialen Netzwerken, über die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, über die Verlockung von Feinbildern und Sündenböcken, über die Verachtung von Sachlichkeit, sogar von wissenschaftlicher Expertise. Solche Klagen waren auch Thomas Mann nicht fremd.

Doch die Frage ist, was aus den Klagen folgt. Ich persönlich halte den Schlachtruf gegen das ‚Establishment‘ für das gefährlichste Lockmittel des Populismus – ein Schlachtruf, der wahlweise gegen jedermann gilt, außer natürlich den selbsternannten Kämpfern gegen die sogenannten ‚Eliten‘. Umso wichtiger ist es, dass diejenigen, die Verantwortung tragen in Gesellschaft, Medien, Wissenschaft und Kultur, alle, die sich als ‚Establishment‘ verunglimpft sehen, das Feld nicht räumen! Die Antwort der Intellektuellen und Kulturschaffenden auf den Irrationalismus darf nicht der Rückzug aus der Politik sein, und schon gar nicht deren Verachtung. Es ist von erstaunlicher Aktualität, was Mann darüber in der Weimarer Republik schreibt: ‚Jener Verzicht des Geistes auf die Politik ist ein Irrtum, eine Selbsttäuschung. Man entgeht dadurch nicht der Politik, man gerät nur auf die falsche Seite – und zwar mit Leidenschaft. A-Politik, das bedeutet einfach Anti-Demokratie!'“

Frank-Walter Steinmeier auf der Konferenz „The Struggle for Democracy“

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