Leben als Retro

Martin Reichert macht sich in der taz Gedanken über die Retrobewegung, die in ihrer Verzeifelung bereits die 90er aufgreift. Um was zu finden?

„Während die Verklärung der Achtziger die um die Dreißigjährigen zurückführt in die wohlbehütete Teenagerzeit, bedeutet Neunziger-Retro, an die Zeit des Flüggewerdens anzuknüpfen, als man noch im Besitz aller Kräfte, Kopfhaare und Hoffnungen war.“

„Gemeinsam in der Warteschleife sitzen und auf das Neue warten, das ist Neunziger-Retro. Warten auf das Ende der Ära Kohl, warten auf das Millennium, warten, dass etwas passiert. Neunziger-Retro ist, wenn die Katze sich in den eigenen Schwanz beißt und so verharrt. Ein Stillstand, der durch Beschleunigung erfolgt ist, durch eine immer schneller aufeinander folgende Auslösung von Retro-Wellen, Cover-Versionen und Comebacks. Die erste Dekade des neuen Millenniums ist verhaftet im Fin de siècle, sie blickt zurück und verknüpft die Gegenwart mit der Vergangenheit, es ist eine Zeit der kollektiv Hängengebliebenen. Eine Zwischenzeit, die der erlösenden 20er-Jahre harrt, in denen es hoffentlich ordentlich röhrt.

Neunziger-Retro braucht gar keine eigene TV-Show. Neunziger-Retro ist live, ist Hier und Jetzt. Ist Privatsache, ist ein vor sich hin wurschteln in der eigenen Sloterdijkschen Seifenblase.“

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