Leit. Kultur.

Endlich wieder Einigkeit im Unionslager. CDU-Chefin Angela Merkel sagte, sie sehe die Idee einer multikulturellen Gesellschaft als „dramatisch gescheitert“ an. Was sie nicht erwähnt ist, daß die Union seit Jahrzehnten alle noch so zarten Ansätze einer Integrationspolitik verhindert und vor der real existierenden Zuwanderung die Augen verschlossen hat. Egal. Denn zum Abschluß des CSU-Parteitages stoiberte es auch aus Bayern. Wir sollten doch bitteschön „die christliche Prägung unseres Landes zu verteidigen“. Und wir sind wieder mittenmang in der schwabbeligen Leitkultur-Debatte. Muß zum Christentum konvertieren, wer in Deutschland leben will?

Dabei stehen unsere Grundwerte niedergeschrieben in der Verfassung, genauer im Grundgesetz: Menschenwürde, Grundrechtsbindung der staatlichen Gewalt, Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit, Gewaltenteilung, Freiheit der Person uswusf. Mit dem Grundgesetz haben die Mütter und Väter unserer Verfassung den Weg bereitet zum Anschluß Deutschlands an die Tradition der Aufklärung. Darin liegt die Grundlage unseres Zusammenlebens und die größte Errungenschaft der Bundesrepublik. Wer dagegen verstößt, kann zur Verantwortung gezogen werden. Egal, welcher Glaubensrichtung er/sie angehört. Genau hier ist die Grenze der Toleranz. Für religiös motivierte Gewalttäter gibt es rechtsstaatliche Antworten. Alle Panikmache aber vor dem bösen Mullah oder die Angst vor dem Untergang des Abendlandes ist fehl am Platze. Die Debatte um deutsche „Leitkultur“: Eher ein ressentimentgeladener Affekt als ein Beitrag zur mehr als notwendigen Zuwanderungsdebatte.

Oder: Ein Philosophieprofessor kam vor vier Jahren in sein Bonner Seminar, schleuderte uns Kants „Kritik der reinen Vernunft“ auf den Tisch und sagte entschieden: „Das ist deutsche Leitkultur!“

Außerdem: Eine lesenswerte Polemik von Herbert Schnädelbach – Der Fluch des Christentums.

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