Modernisierungskosten: Krawalle in Frankreich

Aus dem Netz gefischt

Dietmar Dath sieht die Pariser Jugendunruhen als Symptom des Kapitalismus: "Ein Bürger ist zuerst Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Aktien- oder Grundbesitzer, erst dann Franzose oder Israeli. Sobald die so gezogenen sozialen Grenzen innerstaatlich zu territorialen werden, entstehen auf der einen Seite Slums und auf der anderen gated communities, geschützte Wohnviertel der Wohlhabenden. Bis die sich herausgebildet haben und sicherheitspolitisch ordentlich parzelliert sind, brennen Barrikaden. Das Ergebnis aber ist nichts Dämonisches, keine Festung Europa oder sonst ein Fantasy-Kitsch, sondern das Ensemble ganz normaler nordamerikanischer Verhältnisse. Als Ökonomen wie Joseph Schumpeter die Innovationskrise entdeckten, nämlich die Tatsache, daß alles, was die Produktivität erhöht, auch Kosten schafft, nämlich die zur Abfindung überflüssig gewordener Arbeitskräfte, dachten sie nicht gleich daran, daß zu diesen Modernisierungskosten zunehmend solche für Polizei, Miliz und Gefängnis gehören würden.

Wenn eine Gesellschaft, die so hochindustrialisiert ist wie die hiesige, keine andere Form des Gesellschaftszusammenhangs erfinden kann als die Lohnarbeit, muß sie mit solchen Zyklen leben. Erst wenn der letzte Mülleimer abgefackelt ist, wird die Volkswirtschaftslehre begreifen, daß man überzählige Lohndrücker nicht wegschmeißen kann."

Der französiche Soziologe Alain Touraine: "Die Franzosen müssen darüber nachdenken, warum sie für das Verständnis der gegenwärtigen Krise so schlecht gerüstet sind und sie dadurch zu verschärfen drohen". "Es sind nicht nur die ‚Benachteiligten‘, die eine veränderte Haltung der Gesellschaft brauchen. Die französische Gesellschaft kann auch für sich selbst zur Bedrohung werden, wenn es ihr nicht gelingt, Integration und Unterschiede, Universalismus und individuelle kulturelle Rechte zu verbinden; wenn sie nicht den Gegensatz zwischen einem Republikanismus voller Vorurteile und Gruppenidentitäten voller Aggressivität überwindet… Wir dürfen nicht mehr so tun, als sei Frankreich die Hüterin universeller Werte, und als hätte Frankreich in dieser Mission das Recht, all jene zu Bürgern zweiter Klasse zu machen, die diesem idealen ’nationalen Ich‘ nicht entsprechen."

Sebastian Lüggert besucht die Kampfzone: "Was unerklärlich ist, sind nicht die Krawalle, sondern ihr jahrelanges Ausbleiben – und nicht einmal den reaktionärsten Kommentatoren gelingt es, diesen ersten Eindruck völlig zum Verschwinden zu bringen."

Update
"Stattdessen geht es seit 1989 nur noch um das eine: Die sogenannten Marktzwänge, die Gier, das Geld. Und das ist zu wenig. Im alltägliche Terror der total gewordenen Ökonomie verdampfte jedes Projekt, jede zukunftsgerichtete Idee, jedes Versprechen, jede Kritik. Die Permanenz der Krise – der bewusst geschürte Druck der Sachzwänge, um die Verhältnisse weiter und weiter zu deregulieren – fraß aber nicht nur Ideen an, sondern auch die real existierenden Institutionen der westlichen Demokratien: Staatliche Souveränität, den Wohlfahrtsstaat, zivilgesellschaftliche Solidarität, am Ende auch den rheinischen Kapitalismus der sozialen Marktwirtschaften – letztlich ließ sich all dies durch ein paar prozentuale Schwankungen der Wachstumsziffern und Außenhandelsbilanzen von der politischen Bildfläche eskamottieren. Der Ausnahmezustand in den französischen Vorstädten ist nur die andere Seite dieser selbst erzeugten, selbst gewollten Krise." Rüdiger Suchswald: Clausewitz in der Vorstadt