Volkssänger, Dadaist, Bürger und Anarchist

Valentin: Ich krieg eine Schachtel Dritte Sorte.
Verkäufer: Ja, bei uns gibt es keine Zigaretten zu verkaufen.
Valentin: Was gibt’s denn dann?
Verkäufer: Bei uns gibt es nur Schallplatten und Gramaphone.
Valentin: Dann gebn S‘ mir halt ein Gramaphon.

So geht absurdes Theater a lá Karl Valentin „Im Schallplattenladen“. Am Ende bringt er, der Kunde, der nichts kaufen will, den Verkäufer, der nichts anderes als verkaufen will, schier um den Verstand.

Ähnlich wie Albert Camus, der „Denker des Absurden“, schaut Valentin ohne jede Illusionen auf die Welt, die ihm fremd vorkommt, unverständlich und widersinnig. Er beobachtet und beschreibt im Alltagsleben Phänomene wie Ehe, Zahnarztgepflogenheiten, zoologische Gärten und Trinkgewohnheiten. Die Ergebnisse trägt er vor. Nüchtern, trocken und ohne Idealismus. Er begreift seine Gegenstände als absurde Gegenstände. Aber anders als Camus (bei dem das Absurde erst aus der Gegenüberstellung von fragendem Menschen und schweigender Welt entsteht) will Valentin dem Absurden nichts entgegenstellen. Da gibt es kein „Und dennoch“, keine bessere Welt, kein Kampf für die Erniedrigten und Beleidigten.

„Die biologische Wahrheit dieses Humors ist es, die so unheimlich berührt. Das Elend der Kreatur ist in ihn mitverarbeitet, Lustigkeit scheint hier oft entartete Traurigkeit. Dem Schalk sitzt der Melancholiker im Nacken“, sagte Alfred Pogar über Valentin. Und weiter: „Sein Humor, eine wunderliche Mischung aus Schwachsinn und Tiefsinn, ist metaphysische Clownerie. Seine Antwort auf die Frage, warum er die leere Brillenfassung, in der schon seit vier Jahren keine Gläser mehr sind, auf der Nase trage: ‚Besser als gar nix is es.‘, rührt an eine Vierte Dimension der Ulkigkeit.“

Bei Valentin kann man den „Höllentanz der Vernunft um beide Pole des Irrsinns“ (Tucholsky über V.) beobachten. Oder eben nicht, denn: „Ich weiß gar net, was die Kritiker da alles finden, in meine Sachen- i will doch bloß, daß die Leut lachen…“, sagte Valentin selbst. Weshalb auch einfach mal die Rezeptionsgeschichte beiseite geschoben werden kann, um dem Wortklauber und Sprachzertrümmerer zuzuhören:

Ganz ohne Worte:

Heute vor 125 Jahren ist Karl Valentin geboren. Der Bayerischen Rundfunk hat ein umfangreiches Dossier über den Komiker von Welt zusammengestellt. Mit weiteren Video-Kostproben. Die von Karl Valentins Erben autorisierte Website gibt es unter karl-valentin.de.