Das Schweigen der Quandts

Die ARD hat am 30.09. ihr Publikum überrascht: Statt der Inge-Meysel-Dokumentation „Mein Leben war auch kein Spaß“ strahlte das Erste um 23.30 Uhr den 60 Minuten langen Film „Das Schweigen der Quandts“ über die deutsche Unternehmerfamilie und ihre Vergangenheit zu nationalsozialistischen Zeiten aus. Trotz fehlender öffentlicher Ankündigung sahen 1,29 Millionen Zuschauer (13,5 Prozent) den Film der NDR-Autoren Eric Friedler und Barbara Siebert – für die Uhrzeit eine beachtliche Quote. Wahrscheinlich wollte man mit dem kurzfristigen Ins-Programm-hieven einer juristischen Auseinandersetzung inkl. einstweiliger Verfügung vorbauen. Ich saß auf jeden Fall wie gebannt vor dem Bildschirm und konnte es nicht fassen, mit welcher Dreistigkeit der Enkel von Firmengründer Günther Quandt im Gespräch mit den NDR-Autoren bestreitet, dass er mit dem Erbe auch eine moralische Verpflichtung übernommen habe. Es helfe „Deutschland wenig weiter“, sich mit einem solchen Thema zu beschäftigen, und man solle „endlich mal versuchen, das zu vergessen“. „Wie kann ich dafür verantwortlich sein? Habe ich da gelebt? Nein.“

Wie? 2007 und so eine Ignoranz gegenüber der Geschichte, die genau an dieser Stelle eben Familiengeschichte ist? Starker Tobak und in dem Film, der heute in einer 90 minütigen Version noch einmal gezeigt wurde, pointiert kontrastiert mit den Stimmen ehemaliger KZ-Häftlinge für die eine derartige Ignoranz unerträglich ist. Ebenso wie für uns Zuschauer. (Dass man auch anders mit Familiengeschichte umgehen kann zeigt m.E. vorbildlich Jan Philipp Reemtsma.)

Fünf Jahre haben Autor Eric Friedler und Barbara Siebert recherchiert, Informationen aus verschiedenen Archiven zusammengesetzt und verdichtetet. Neben Historikern kommen in der Dokumentation eben auch Zeitzeugen zu Wort: Ehemalige Zwangsarbeiter, die für Quandts Unternehmen arbeiten mussten. Den Autoren zufolge hat die Familie vor 1945 u.a. durch Arisierungen und Zwangsarbeit die finanzielle Grundlage für den Weltkonzern BMW geschaffen und blieb auf verwunderliche Weise von der Entnazifizierung verschont.

Selten bin ich so ergriffen worden von einer journalistischen Recherche, von einem Film, der Unbegreifliches begreifbar macht und schlicht Aufklärung betreibt. Hut ab vor der journalistischen Leistung von Eric Friedler und Barbara Siebert und dem langen Atem der ARD bzw. des NDR, die das Projekt fünf Jahre lang unterstützt haben. Das ist der Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Und immerhin haben auch die Quandts reagiert. Ein Historiker soll die Verflechtungen der Familie mit dem Nazi-Regime nun aufarbeiten.

Siehe auch: SZ – „Die Quandts haben nie etwas eingestanden“, Das laute Schweigen der Quandts, Überraschung vor Mitternacht & FAZ – Aus der Wehrwirtschaft, Das ganze Ausmaß in voller Länge.