Autor: MC

dichter dran LXVII

Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor…
Der Sturm ritt johlend durch das Land der Farben.
Die Wälder weinten. Und die Farben starben.
Nun sind die Tage grau wie nie zuvor.
Und der November trägt den Trauerflor.

Der Friedhof öffnete sein dunkles Tor.
Die letzten Kränze werden feilgeboten.
Die Lebenden besuchen ihre Toten.
In der Kapelle klagt ein Männerchor.
Und der November trägt den Trauerflor.

Was man besaß, weiß man, wenn man’s verlor.
Der Winter sitzt schon auf den kahlen Zweigen.
Es regnet, Freunde. Und der Rest ist Schweigen.
Wer noch nicht starb, dem steht es noch bevor.
Und der November trägt den Trauerflor.

Erich Kästner – Der November

The Importance of What We Care about

„Diese Beziehung zwischen der Liebe und dem Wert des geliebten Wesens – dass nämlich Liebe nicht notwendigerweise im Wert des geliebten Wesens gründet, dieses Wesen aber in jedem Fall für den Liebenden wertvoll macht – gilt nicht nur für elterliche Liebe, sondern ganz allgemein.“ Dass erst die Sorge (to care about), die Liebe, „der Welt ihre Wichtigkeit“ verleiht, ist ein weiterer wunderbarer Gedanke bei Harry G. Frankfurt.

Mir kommt eine Situation aus dem letzten Jahr in den Sinn: Ich besuche meinen Vater nachdem seine Freundin gestorben ist. Er ist komplett von der Rolle. Es ist der dritte oder vierte Besuch nach dem Tod. Ich mache mir wirklich Sorgen, übernachte. Wir gehen Essen. Anschließend wird ordentlich getrunken. Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg nach Hause. Er muss wie immer bis zum Auto mitkommen, wirkt fassungslos-traurig wegen des Todes von Christa. Trotzdem ist der Abschied unser üblicher. Er sagt: „Fahr vorsichtig. Und meld dich, wenn du zuhause bist.“ Ich lasse den Wagen an und denke beim Blick auf ihn: Wie kannst du daran einen Gedanken verschwenden? Wenn sich hier jemand sorgt, dann bin ich das!

Heute, an seinem ersten Todestag, ist das eine Szene, dir mir durch den Kopf geht. Und mit Harry G. Frankfurt haben wir uns eigentlich „nur“ unserer gegenseitigen Liebe versichert. Bei aller Trauer und Unfähigkeit, Emotionen in Worte zu fassen, ist das der schönste Trost an einem tränenreichen Abend. Wir haben unserer Welt ihre Wichtigkeit verliehen und ich konnte in den Wochen, Monaten im vorigen Jahr vielleicht ein wenig von der Liebe erwidern, die ich in den vielen Jahren davor empfangen habe. Danke, Dad, für die deutlich längere Zeit, in der du dich gekümmert und gesorgt hast!

Deine alten Kollegen haben sich übrigens auch in Mannschaftsstärke auf der Beerdigung blicken lassen. Das hat mich sehr gefreut, weil ich weiß, dass es dich gefreut hat.

dichter dran LXV

If you are the dealer
I’m out of the game
If you are the healer it means
I’m broken and lame
If thine is the glory then
Mine must be the shame
You want it darker
We kill the flame

Leonard Cohen – You Want It Darker

dichter dran LXIV

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind.

Geh nur weiter. Bleib nicht stehen.
Kehr nicht um, als sei’s zuviel.
Bis ans Ende musst du gehen.
Hadre nicht in den Alleen.
Ist der Weg denn schuld am Ziel?

Geh nicht wie mit fremden Füßen,
und als hätt’st du dich verirrt.
Willst du nicht die Rosen grüßen?
Laß den Herbst nicht dafür büßen,
daß es Winter werden wird.

An den Wegen, in den Wiesen
leuchten, wie auf grünen Fliesen,
Bäume bunt und blumenschön.
Sind’s Buketts für sanfte Riesen?
Geh nur weiter. Bleib nicht stehn.

Blätter tanzen sterbensheiter
ihre letzten Menuetts.
Folge folgsam dem Begleiter.
Bleib nicht stehen. Geh nur weiter.
Denn das Jahr ist dein Gesetz.

Nebel zaubern in der Lichtung
eine Welt des Ungefährs.
Raum wird Traum. Und Rauch wird Dichtung.
Folg der Zeit. Sie weiß die Richtung.
„Stirb und werde!“ nannte er’s.

Erich Kästner: Der Oktober

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