Autor: MC

Wahlkampf: Langeweile statt Schwanzvergleich

„Und doch ist Deutschland das Einzige der führenden westlichen Länder, in dem aktuell zwei KandidatInnen gegeneinander antreten, die sowohl stark als auch moderat, gebildet und respektabel sind – beide haben zudem keine Konzessionen an die Rechtspopulisten gemacht. Dies ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeigt vielmehr die andauernde Stärke der deutschen Demokratie.
[…]
Als amerikanische Journalistin, die die Kampagne des Jahres 2016 überstanden hat, würde ich Gott weiß was geben für einen langweiligen Wahlkampf. Es ist langweilig, wenn die Kandidaten sich keine Fakten ausdenken. Es ist langweilig, wenn die Kandidaten nicht buchstäblich ihre Schwanzgröße auf der Bühne vergleichen (siehe die Trump-Rubio-Debatte im März). Es ist langweilig, wenn oppositionelle politische Parteien einander respektvoll als politische Gegner behandeln und nicht als Feinde, die es zu vernichten gilt.
[…]
In einem demokratischen Kontext ist Langeweile schlicht ein Inbegriff für Vernunft.“

Bethany Allen, Redakteurin der Zeitschrift Foreign Policy in der taz

Großes Kino – Dialoge XXXXIII

taz: AfD-Frontmann Alexander Gauland findet, dass die zwölf Jahre Weltkrieg „unsere Identität heute nicht mehr“ betreffen. In der selben Rede sagt er aber, dass wir das Recht hätten, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Erklären Sie uns bitte diese Dialektik.

Küppersbusch: Nee, fragen sie Martin Walser, der unter dem Jubel des Nationalfeuilletons „gegen die Dauerpräsentation unserer Schande“ sich wehrte und die „Moralkeule“ des Gedenkens an ­Auschwitz zurückwies. 1998. Irgendwann musste der Schwurbel ja mal beim rechten Empfänger landen. Für ein Land, dass 400 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg noch feine Spuren dieser Katastrophe in sich birgt – ist es schon verdammt mutig, 70 Jahre nach einem Epochenverbrechen nach der Tagesordnung zu fuchteln. Gauland hat was von einem Kindermörder, der nach sechs Monaten Haft wegen Diskriminierung klagt.

via taz – Wie geht es uns, Herr Küpperbusch?

Worte der Woche

„Klarere Worte findet Fernsehsternchen Nathalie Volk, die laut der Aktuellen just bei der Verleihung des Deutschen Radiopreis den Satz sagte: ‚Fürs Radio bin ich zu hübsch.‘ All die hässlichen Radio-Vögel um sie herum werden das nicht gern gehört haben – und auch wir verstehen erst jetzt, was unsere Ausbilder bei der Journalistenschule meinten, als sie sagten: Einer wie du muss auf jeden Fall zur Zeitung.“

 

Jörg Thomann – FAZ/Herzblatt-Geschichten

dichter dran LXIII

küsst mich die muse will ich tanzen
nicht unbedingt, aber vielleicht
wenn ich tanze will ich trinken
nicht unbedingt, aber vielleicht
wenn ich trinke muss ich singen
nicht unbedingt, aber vielleicht
und wenn ich singe dann küsst sie mich
vielleicht

erst tanzte ich mit mnemosyne
die, glaub‘ ich, eine echte muse war
dazwischen trank ich mischgetränke
die hiessen, glaub‘ ich, amnesia
irgendwann fing ich an zu singen
und ich sang bis die putzkolonne kam

Bilxa Bargeld – Musentango

Seite: Früher ... Nächste