Kategorie: dichter dran

Vergessen Sie’s.

Konnten Sie komische Aspekte am Altern ausmachen?

Es gibt nichts Komisches am Altern. Außer für die anderen. Aber für einen selber ist es bloß tragisch. Man nähert sich dem Tod. Der Körper funktioniert nicht mehr richtig. Die Augen werden schlecht. Sehen Sie, wie dämlich ich mich immer zu Ihnen rüberbeuge? Das sind die schlechten Ohren! Das Koordinationsvermögen lässt nach. Ich kann nicht mehr den Frauen hinterherjagen, wie ich es früher getan habe, nicht mehr den Sport machen, den ich trieb, als ich jung war. Kurz: Das Lebensende schwebt über Ihnen.

Aber dafür wird man vielleicht gelassener, ruhiger, zufriedener …

Vergessen Sie’s. Es gibt keinen Vorteil am Altern, egal, wie Sie es drehen. Nichts. Man erlangt keine plötzliche Weisheit, kein tieferes Verständnis fürs Leben. Dass man allen vergibt – Fehlanzeige! Sie hassen immer noch jeden, der Sie mal schlecht behandelt hat. Und Sie lieben auch nicht plötzlich jeden Baum und jede Blume. Aber wenn Sie andere alte Leute sehen – gestern, zum Beispiel, sah ich zwei alte Männer im Central Park. Sie redeten miteinander, sie schrien sich förmlich an, konnten sich aber trotzdem nicht verstehen. Da steht man dann, selber alt, und findet die anderen Alten urkomisch. Lacht sich schlapp über die.“

Es gibt nichts Komisches am Altern. Außer für die anderen. Woody Allen im Interview mit dem SZ-Magazin.

Dichter dran XXI

„Man unterscheidet in der menschlichen Art zwei Arten von Ungleichheit: die eine, die ich natürlich oder physisch nenne, weil sie durch die Natur begründet wird, und die im Unterschied zum Lebensalter, der Gesundheit, der Kräfte des Körpers und der Eigenschaften des Geistes oder der Seele besteht; und die andere, die man moralische oder politische Ungleichheit nennen kann, weil sie von einer Art Konvention abhängt und durch die Zustimmung der Menschen begründet oder zumindest autorisiert wird. Die letztere besteht aus unterschiedlichen Privilegien, die einige zum Nachteil der anderen genießen […].“

Jean-Jacques Rousseau, Diskurs über die Ungleichheit

Dichter dran XX

Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt. Wie wird man berühmt? Indem man Dada sagt. Mit edlem Gestus und mit feinem Anstand. Bis zum Irrsinn, bis zur Bewußtlosigkeit. Wie kann man alles Aalige und Journalige, alles Nette und Adrette, alles Vermoralisierte, Vertierte, Gezierte abtun? Indem man Dada sagt. Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt. Dada Herr Rubiner, Dada Herr Korrodi, Dada Herr Anastasius Lilienstein.

Das heißt auf Deutsch: die Gastfreundschaft der Schweiz ist über alles zu schätzen, und im Ästhetischen kommt’s auf die Norm an.

Ich lese Verse, die nichts weniger vorhaben als: auf die Sprache zu verzichten. Dada Johann Fuchsgang Goethe. Dada Stendhal. Dada Buddha, Dalai Lama, Dada m’dada, Dada m’dada, Dada mhm‘ dada. Auf die Verbindung kommt es an, und daß sie vorher ein bißchen unterbrochen wird. Ich will keine Worte, die andere erfunden haben. Alle Worte haben andere erfunden. Ich will meinen eigenen Unfug, und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm entsprechen. Wenn eine Schwingung sieben Ellen lang ist, will ich füglich Worte dazu, die sieben Ellen lang sind. Die Worte des Herrn Schulze haben nur zwei ein halb Zentimeter.

Da kann man nun so recht sehen, wie die artikulierte Sprache entsteht. Ich lasse die Laute ganz einfach fallen. Worte tauchen auf, Schultern von Worten; Beine, Arme, Hände von Worten. Au, oi, u. Man soll nicht zuviel Worte aufkommen lassen. Ein vers ist die Gelegenheit, möglichst ohne Worte und ohne die Sprache auszukommen. Diese vermaledeite Sprache, an der Schmutz klebt wie von Maklerhänden, die die Münzen abgegriffen haben. Das Wort will ich haben, wo es aufhört und wo es anfängt.

Jede Sache hat ihr Wort; da ist das Wort selber zur Sache geworden. Warum kann der Baum nicht Pluplusch heißen, und Pluplubasch, wenn es geregnet hat? Und warum muß er überhaupt etwas heißen? Müssen wir denn überall unseren Mund dran hängen? Das Wort, das Wort, das Weh gerade an diesem Ort, das Wort, meine Herren, ist eine öffentliche Angelegenheit ersten Ranges.

Hugo Ball, Eröffnungsmanifest – 1. Dada-Abend

Radio days

Drei Jahre nach dem Abgang Brenners, bringt sein Autor Wolf Haas einen neuen Roman heraus: Das Wetter vor 15 Jahren. Fern ab des Krimi-Genres geht es um die Liebe & das Wetter. Im Deutschlandfunk liest Haas ab morgen viermal mittwochs um 20.30 Uhr daraus vor. Oberschichtenradio meint: Programmtipp!

Dichter dran XIX

Die Tagespresse ist das Grundübel der modernen Welt; das wird sich im Laufe der Zeit mit immer größerer Deutlichkeit erweisen. Die Degenerationsfähigkeit der Presse kennt buchstäblich keine Grenzen, denn sie kann in der Wahl ihrer Leser immer noch tiefer sinken. Zuletzt wird sie jenen Abschaum der Menschheit aufpeitschen, den kein Staat und keine Regierung beherrschen kann.

(Sören Kierkegaard, Tagebücher 1853-1855)
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