Kategorie: dichter dran

Dichter dran XVII

„Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d. h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.“

„Die Sorgen: eine Geisteskrankheit, die der kapitalistischen Epoche eignet. Geistige (nicht materielle) Ausweglosigkeit in Armut, Vaganten – Bettel – Mönchtum. Ein Zustand der so ausweglos ist, ist verschuldend. Die ‚Sorgen‘ sind der Index dieses Schuldbewußtseins von Ausweglosigkeit. ‚Sorgen‘ entstehen in der Angst gemeinschaftsmäßiger, nicht individuell-materieller Ausweglosigkeit.“

„Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. … Ein ungeheures Schuldbewußtsein das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen … Es liegt im Wesen dieser religiösen Bewegung, welche der Kapitalismus ist, das Aushalten bis ans Ende, bis an die endliche völlige Verschuldung Gottes, den erreichten Weltzustand der Verzweiflung auf die gerade noch gehofft wird. Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist. Die Ausweitung der Verzweiflung zum religiösen Weltzustand aus dem die Heilung zu erwarten sei.“

Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion

Humor der Linken

„Sind Tannennadeln trocken, fall’n sie vom Baum herab. O Mäd­chen, lasst euch locken – auch eure Zeit ist knapp!“

„Die größten Erfolge im Kampf gegen ihre Vergackeierung konnten Jungspunde, die sich für links und fortschrittlich hielten, in den neunziger Jahren verbuchen, als sie in der Hoffnung, Lesungen von Wiglaf Droste verhindern zu können, anonyme Morddrohungen aussandten und Lesungsbesucher verprügelten. Droste galt in gewissen Kreisen als Gottsei­bei­uns, weil er sich in der Titanic in einer Glosse als ‚Schokoladenonkel‘ über den kriminalistischen Übereifer linker Sittenpolizistinnen lustig gemacht hatte. Was die wohl heute so trei­ben? Ich kann mir vorstellen, dass sie inzwischen allesamt verbeamtet sind und bereits zum siebenten Mal die FDP gewählt haben.“

Lesenswert, Gerhard Henschel in der Jungle World über den Humor der Linken.

Meldung der Woche

„Betrunkener Bestatter beißt Beamten“

Alliteration seien ja out, erklärte mir eine Kollegin später. Die Süddeutsche kümmerte das zum Glück herzlich wenig heute und so hatte ich schon am Früstückstisch absurde Kinoszenen im Kopf…

Kein Wintermärchen: Heine ist tot

… und zwar schon so lange, dass er mitlerweile von allen Seiten geliebt und gelobt wird. Der Ärmste kann sich nicht mal dagegen wehren – schon gar nicht, an seinem 150. Todestag. Drum soll er hier selbst zu Wort Schrift kommen.

„Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.
Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.“

________________________

Zur Beruhigung

„Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief –
Doch jener erwachte und bohrte tief
In Cäsars Brust das kalte Messer!
Die Römer waren Tyrannenfresser.

Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak.
Ein jedes Volk hat seinen Geschmack,
Ein jedes Volk hat seine Größe;
In Schwaben kocht man die besten Klöße.

Wir sind Germanen, gemütlich und brav,
Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf,
Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten
Doch nicht nach dem Blute unserer Fürsten.

Wir sind so treu wie Eichenholz,
Auch Lindenholz, drauf sind wir stolz;
Im Land der Eichen und der Linden
Wird niemals sich ein Brutus finden.

Und wenn auch ein Brutus unter uns wär,
Den Cäsar fänd er nimmermehr,
Vergeblich würd er den Cäsar suchen;
Wir haben gute Pfefferkuchen.

Wir haben sechsunddreißig Herrn
(Ist nicht zuviel!), und einen Stern
Trägt jeder schützend auf seinem Herzen,
Und er braucht nicht zu fürchten die Iden des Märzen.

Wir nennen sie Väter, und Vaterland
Benennen wir dasjenige Land,
Das erbeigentümlich gehört den Fürsten;
Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.

Wenn unser Vater spazierengeht,
Ziehn wir den Hut mit Pietät;
Deutschland, die fromme Kinderstube,
Ist keine römische Mördergrube.“

____________________________

„Gott gab uns nur einen Mund, / Weil zwei Mäuler ungesund. / Mit dem einen Maule schon / Schwätzt zu viel der Erdensohn.“

________________________

Netzfunde

Revanche-Foul

„In glücklichen und befriedeten Zeiten wäre doch ein Revanche-Foul angebracht: in der „Morgenland-Post“ von, sagen wir Katar, oder dem Saudi-Arabischen „Generalanzeiger“ werden Anti-Dänemark-Cartoons veröffentlicht. Eine Jury von Satirikern, Politikern, Priestern entscheidet den Wettbewerb. Der Sieger (Höchstpunktzahl in den drei G-Punkten – Graphik, Gritik und Gomik) kommt eine Runde weiter und darf gegen den Favoriten USA antreten“, meint F.W. Bernstein.

Karikaturisten über Mohammed, den Streit um seine Bilder und die Grenzen ihres Berufs. Außerdem: Das Recht, mit der Freiheit abzurechnen in der Times.

Seite: Früher ... Nächste