Kategorie: dichter dran

Dichter dran XV

„Wie der Brenner selber noch in die Schule gegangen ist, Puntigamer Gymnasium, hat er einmal einen Blödsinn gemacht. Die zertrümmerte Fensterscheibe hätte man dem Halbstarken wahrscheinlich gar nicht so übel genommen, weil Allgemeinbildung: Das gehört bei einem richtigen Bubenleben dazu. Aber daß er die Scheibe zertrümmert hat, indem er die Nachbarkatze wie den reinsten Fußball vom Gehsteig aus durchs geschlossene Fenster ins Wohnzimmer geschossen hat, das hat schon ein bißchen für Gerede in Puntigam gesorgt. (…)

Der Nachbarkatze damals in Puntigam hat das gar nichts ausgemacht. Weil Katze natürlich neun Leben, der hat das sogar getaugt. Die Angorahaare natürlich sind nur so geflogen, da hätte sich die Nachbarin ohne weiteres einen Pullover stricken können, aber sonst kein Hinken und kein gar nichts. Und pädagogischer Effekt großartig, weil die Katze ist tagelang nicht mehr auf dem Gehsteig herumgesessen und hat blöd in die Gegend geschaut. Das war es ja, was den dreizehnjährigen Burschen an ihr so aufgeregt hat. Weil wenn du heute dreizehn bist und den ganzen Tag nur am Gehsteig herumlungerst und blöd in die Gegend schaust, siehst du es nicht gern, daß dich eine Katze nachäfft.”

Wolf Haas: Silentium!

Weihnachtsgeschichten III

"Es war eine Mission, die auf die Zukunft ausgerichtet war. Dort gab es keine Arbeitnehmer mehr: Angestellte in proletarischen Berufen, dort waren die Arbeiter gleichzeitig Sinn und Zweck allen Tuns. Es gab keine Individuen, und dennoch hatte jeder ein Gesicht. Das, was sie heute Nacht hier im Kleinen machten, würden sie dann auf Weltniveau machen: Materie gestalten."

Andre Kubiczek: "IG Metallica. Weihnachtsgeschichte ohne Weihnachten"

Weihnachtsgeschichten II

"An Weihnachten regnete es ein wenig – so fein, als bliese ein großes Ausatmen die Tröpfchen aus den betonfarbenen Wolken. Joschka lupfte, aus der Tür des Hotels tretend, gleich die Mütze, um diesen Hauch auf dem kurzgeschorenen Schädel zu spüren. Und kaum daß er hinter dem Gästeparkplatz in den Wald einbog, stopfte er seine Kopfbedeckung endgültig in die Jackentasche. Dies war unvernünftig, da er zu Erkältungen neigte. Aber wozu war er noch jung. Am Schnupfen würde er auch dieses Mal nicht sterben. Und das bißchen Fieber vor dem Einschlafen fand er seit jeher schön."

Georg Klein: Beim letzten Märchen

Weihnachtsgeschichten I

"Eine Legende aus dem Umfeld der Kabbala erzählt, dass das Kind, bis zu seiner Geburt, alles Wissen der Welt besitzt. Doch im Moment, in dem es aus dem Mutterleib kommt, geht der Engel des Lebens vorbei, gibt ihm einen mächtigen Schlag auf die Lippen, das Kind schreit, japst nach Luft, und im gleichen Moment hat es alles Wissen vergessen. Doch bleibt ihm ein Zeichen dieses Geschehens: das senkrechte Grübchen zwischen Mund und Nase."

Die Schriftstellerin Friederike Kretzen in der NZZ: "Übergehen".

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