Kategorie: res publica

It’s the economy, stupid!

In der letzten Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik gibt der ägyptische Ökonom Samir Amin seine Sicht der Weltlage zum Besten. Etwas holzschnittartig, aber doch eine erfrischende Perspektive, die die in den Industrienationen herrschende Meinung durchbricht:
„Heute erleben wir jedoch, dass die regierende Linke, gemeinsam mit der – nennen wir sie „zivilisierten“ – Rechten, also nicht mit den Rechtsradikalen, gemeinsam den Staat attackiert. Sie zerschlagen die Sicherungssysteme, die eng mit ihm verbunden sind, und negieren so die Funktion des Staates selbst. Sie erkennen jedoch nicht, dass sie erst durch ihre antistaatliche Rhetorik jenen Spielraum schaffen, der dann durch rechtsradikales Gedankengut und rechtsradikale politische Strömungen erobert wird. Genau das passiert jedoch im globalen Maßstab. Überall gedeiht national-populistische Agitation, die rechtsradikale Antworten auf die Herausforderungen des Kapitalismus anbietet. So verschärft sich die Situation, und das Kapital gewinnt auf gefährliche Art und Weise innerhalb der politischen Kultur weiter an Einfluss.“

Wissen deutsche Politiker, wozu Universitäten da sind?

Das fragt sich verwundert der amerikanische Philosoph Richard Rorty in der FAZ.
„Keine bedeutende amerikanische Universität würde auch nur eine Sekunde lang den Vorschlag ernst nehmen, den Umfang ihrer Geisteswissenschaften zu halbieren. Ein solcher Vorschlag eines Ministeriums würde nur als arroganter Versuch gewertet, das kulturelle Klima des Landes zu verändern. Die Mitglieder einer Regierung, die mit einer staatlichen Universität so etwas versuchen würden, dürften sicher sein, sofort als Witzfiguren verspottet zu werden. Alle anderen Universitäten würden ihrer Schwesterinstitution beispringen.“
Schon komisch. Dabei heißt es doch, der Umbau der Bildunglandschaft geschieht nach amerikanischem Vorbild…
Andres Eckert über die Halbierung der Geisteswissenschaften und das „Hamburger Modell“ in der Frankfurter Rundschau. Die taz widmet sich in der Sommerschule dem gleichem Thema und fragt: „Wo bleibt die aufklärerische Funktion der Universität?“

Montagsdemos und soziale Frage

In der Berliner Zeitung nimmt Harald Jähner die Demonstrationen gegen Hartz IV zum Anlass, um mit dem Sozialphilosophen Oskar Negt über die soziale Situation in Deutschland zu sprechen.

Negt: „Wenn Menschen sich wehren, weil sie das Gefühl haben, Ihnen wird etwas genommen – ob das objektiv zutrifft oder nicht – bin ich immer zufrieden, weil das stumme Hinnehmen von Sachen, mit denen man nicht einverstanden ist, ein Schaden für die demokratische Verfassung unserer Gesellschaft und ihren Zusammenhalt bedeutet .“
„Sozialismus ist immer auch ein Fantasieprojekt gewesen, das Erarbeitete zu bewahren, zu verteidigen. Angst hemmt Fantasie. Wo die Globalisierungserpressung eine zentrale Rolle spielt, vergrößert sich die Angst lebendiger Arbeit. Wenn das Kapital mit Wegzug droht, droht es der lebendigen Arbeit mit Existenzentzug. So werden Kapital und Arbeit, tote und lebendige Arbeit, in der Tat zusammengeschweißt. Und die Opferbereitschaft der Träger lebendiger Arbeit nimmt gewaltige Ausmaße an.“

Leben als Retro

Martin Reichert macht sich in der taz Gedanken über die Retrobewegung, die in ihrer Verzeifelung bereits die 90er aufgreift. Um was zu finden?

„Während die Verklärung der Achtziger die um die Dreißigjährigen zurückführt in die wohlbehütete Teenagerzeit, bedeutet Neunziger-Retro, an die Zeit des Flüggewerdens anzuknüpfen, als man noch im Besitz aller Kräfte, Kopfhaare und Hoffnungen war.“

„Gemeinsam in der Warteschleife sitzen und auf das Neue warten, das ist Neunziger-Retro. Warten auf das Ende der Ära Kohl, warten auf das Millennium, warten, dass etwas passiert. Neunziger-Retro ist, wenn die Katze sich in den eigenen Schwanz beißt und so verharrt. Ein Stillstand, der durch Beschleunigung erfolgt ist, durch eine immer schneller aufeinander folgende Auslösung von Retro-Wellen, Cover-Versionen und Comebacks. Die erste Dekade des neuen Millenniums ist verhaftet im Fin de siècle, sie blickt zurück und verknüpft die Gegenwart mit der Vergangenheit, es ist eine Zeit der kollektiv Hängengebliebenen. Eine Zwischenzeit, die der erlösenden 20er-Jahre harrt, in denen es hoffentlich ordentlich röhrt.

Neunziger-Retro braucht gar keine eigene TV-Show. Neunziger-Retro ist live, ist Hier und Jetzt. Ist Privatsache, ist ein vor sich hin wurschteln in der eigenen Sloterdijkschen Seifenblase.“

Überwachung ist machbar, Herr Nachbar!

Telepolis berichtet über eine Untersuchung der American Civil Liberties Union, die beschreibt, wie die amerikanische Regierung Firmen und Privatleute rekrutiert, um Big Brother zu spielen. Ob unser anthroposophischer Innenminister bald nachzieht? Schließlich ist der Blockwart eine deutsche Erfindung. Apropos Schily: Das mit der Lagerhaltung von Menschen ist ja nun auch nur ein Plagiat …